Pödelwitz: Zwischen Verfall und Vergesellschaftung

2021 wurde der kleine Ort Pödelwitz im Leipziger Südraum vor dem Abriss durch Kohlebagger bewahrt. Noch ist er dem Verfall preisgegeben. Doch es gibt Pläne für ein Modelldorf des sozialökologischen Wandels.

Das Sterben eines Dorfes für den Kohleabbau am Beispiel von Mühlrose
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Anders als Pödelwitz konnte der Ort Mühlrose im Lausitzer Revier nicht gerettet werden. Und dennoch kann hier noch Zukunft geschrieben werden - wenn die Kohle darunter im Boden bliebe.

Pödelwitz ragt wie eine Halbinsel in den Tagebau Vereinigtes Schleenhain hinein. Obwohl das Dorf vor der Abbaggerung gerettet wurde, steht es leer. Die MIBRAG hatte sich etwa 80 Prozent der Grundstücke und Häuser im Zuge der geplanten Umsiedlung angeeignet. Nun blockiert sie deren Nutzung. Der Alltag in Pödelwitz ist gezeichnet von „Betreten-verboten-Schildern“ und dem Verfall historischer Bausubstanz – auch von denkmalgeschützten Häusern. Putzbrocken und Dachziegel liegen auf den leeren Straßen. Die Wasserflecken auf den Fassaden ziehen von Jahr zu Jahr größere Kreise. MIBRAG-Securities in Pick-ups drehen Runden, um sicherzustellen, dass die Gebäude menschenleer bleiben. Nur Pflanzen und Tiere missachten das Privateigentum. Abends sind von den Dächern Waschbär-Schreie zu hören. Die Brombeeren überwuchern Grundstücksgrenzen. 

Pödelwitz ist trotz der weitestgehend ausbleibenden Wiederbelebung eine Erfolgsgeschichte des zivilgesellschaftlichen Widerstands. Das jahrelange Engagement der Bürgerinitiative Pro Pödelwitz, die wirkmächtige Vernetzung mit NGOs wie dem BUND Sachsen, Greenpeace und der Klimagerechtigkeitsbewegung in Form eines Klagebündnisses, Aktionen zivilen Ungehorsams und zweier Klimacamps haben im günstigen Moment des Kohleausstiegs die Entscheidungsträger*innen dazu bewogen, Pödelwitz zu erhalten. Das war im Januar 2021. 

Ziemlich rasch entstanden im stillen Dorf lebendige Visionen eines Modelldorfes des sozial-ökologischen Wandels: Pödelwitz ist eine Chance und ein Hoffnungsbringer in diesen krisenhaften Zeiten und kann auf inklusive, solidarische und klimagerechte Weise wiederbelebt werden. Details dazu finden sich in einem Positionspapier. Die engagierte Dorfgemeinschaft ist ein Vorbild, wie demokratische Gestaltung im ländlichen Raum gelingen könnte. Es existieren bereits Ansätze dieser Vision: Repaircafés, das „Essbare Dorf“ oder die Lehmbau-Tage. Diese zeigen, dass ein nachhaltiges Wirtschaften mit regionalen Ressourcen möglich ist, fast ohne Abhängigkeit von ausbeuterischen Lieferketten oder vom Pendeln in die Stadt. 

Pödelwitz ist ein Modell für ein Dorf der kurzen Wege, in dem alle als Teil einer Dorfgemeinschaft arbeiten, wohnen und leben können - egal, wo sie herkommen und ob sie eine Unterstützung im Alltag brauchen oder nicht. Doch die bestehenden Eigentums- und Entscheidungsmacht-Verhältnisse bremsen die Entwicklungen. Während die Grundstücke der MIBRAG überwuchert werden, mussten Beerensträucher des „Essbaren Dorfes“ am Straßenrand wieder entfernt werden. Auch eine Solaranlage zur Selbstversorgung auf dem Dach des Dorfgemeinschaftshauses wurde nicht genehmigt, da die Kommune kein privates Eigentum auf öffentlichen Gebäuden erlaubt. Im Kontrast dazu wird die Energiewende im Südraum Leipzigs nun von fossilen Unternehmen im großen Stil vorangetrieben - auf Flächen, für die einst lebendige Dörfer abgebaggert wurden. 

Die von der MIBRAG ausgegründeten Tochterunternehmen tragen noch deren Namen wie der Windpark „Breunsdorf I“ sowie der geplante PV-Park „Peres III“. Die Energiewende löst fossile Eigentumsstrukturen nicht auf, sondern strukturiert sie nur oberflächig um. Auch die Häuser in Pödelwitz sind an die Groitzscher Wohnwelt GmbH überführt worden, eine Unterfirma der MIBRAG. Zur Fortsetzung des offiziellen Beteiligungsprozesses zur Wiederbelebung der Ortslage bräuchte es weitere Termine. Dazu fehlt die Rückmeldung der MIBRAG bis heute. 

Doch was könnte stattdessen kommen? Im Masterplan Vereinigtes Schleenhain, einer Ideenkarte für die Tagebau-Folgelandschaft, ist der „Pödelwitzer Balkon“ verzeichnet. Lässt die MIBRAG also denkmalgeschützte Häuser verfallen und spekuliert auf profitable Immobilien am Ufer der nächsten Perle des Leipziger Neuseenlandes? Die Eingriffe durch den Bergbau in die Landschaft und das Ökosystem um Pödelwitz waren immens und werden es auch bleiben. Die Quelle des Pödelwitzer Dorfbachs wurde abgebaggert und es ist davon auszugehen, dass er ohne das Sümpfungswasser aus dem Tagebau versiegt. Auch der Leipziger Gewässerknoten (aus Elster, Pleiße und Parthe) hängt am Tropf der Tagebaue. Nicht einmal der Regionale Planungsverband Westsachsen weiß, woher das Wasser für den neuen See im mitteldeutschen Trockengebiet kommen soll und wie lange überhaupt noch Kohle neben Pödelwitz gefördert wird. 

Aller Ungewissheit zum Trotz wurde mit dem Kauf eines Grundstücks in Pödelwitz ein Meilenstein gesetzt. Der Vielseithof ist im Besitz des Vereins „Pödelwitz hat Zukunft“ e. V. und bildet einen inselartigen Ausgangspunkt für eine inklusive Wiederbelebung des Ortes. Auf dem Hof sollen zukünftig Menschen mit und ohne Assistenzbedarf zusammenleben und arbeiten. Neben vielfältigen Wohnraumarten werden mehrere Betriebsstätten entstehen, wie z. B. eine solidarische Landwirtschaft, deren Einkochküche für Saft und Marmelade im Herbst 2025 eingeweiht wurde. 

Diese Visionen sollen auf das Dorf ausgeweitet werden. Über lange Zeit hat der Verein „Pödelwitz hat Zukunft“ e. V. ein Straßenzugskonzept erarbeitet, welches das Bild eines lebendigen, vergesellschafteten Dorfes zeichnet. Der langfristige soziale Prozess der Vergesellschaftung dafür hat bereits begonnen. Vergesellschaftung in dem Sinne, dass Beziehungen aufgebaut werden sollen und Eigentum gemeinsam verwaltet wird. Dazu gehören die Stärkung des Denkmalschutzes oder städtebauliche Satzungen, zusammen mit regionalen Initiativen des Denkmalschutzes und der Bauwende sowie der Gemeinde Groitzsch. 

Letztlich hat Pödelwitz aber nur durch eine rechtliche Vergesellschaftung des Eigentums eine sichere Zukunft. Die MIBRAG-Häuser sollten an eine Stiftung übertragen werden, welche die basisdemokratische Mitsprache der Dorfgemeinschaft garantiert (Beispiel Stadtbodenstiftung). Juristische Wege dahin gibt es mehrere, wie z. B. den Rückkauf durch die Kommune (Beispiel Morschenich) oder die Enteignung von vernachlässigten Denkmälern (Beispiel Schloss Rein hardsbrunn in Thüringen).

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